Ay liebe Blog-Gemeinde,
wenn man schon am Muttertag vergessen hat, sich für alle erfahrene Liebe der letzten 30 Jahre von zu Hause mit einem preiswerten, schnellen Sträußchen von der Tanke zu bedanken – dann kann man sich am Vatertag zumindest selbst feiern. Vatertag. Eigentlich ist es Christi Himmelfahrt, wissen Sie noch, der gut aussehende Typ, der vor rund 2000 Jahren Geschichte geschrieben hat und in dessen Namen seit dem Gutes und Schlechtes auf dieser Welt passiert. Eigentlich. Ich bin allerdings hier weder religiös noch politisch und besinne mich deshalb (und da haben wir die Kurve gekriegt) auf das Phänomen Vatertag. Ein schöner Anlass für junge wie alte gebundene Männer, Unmengen von Bier auf einen Bollerwagen zu laden, alberne Hüte auf den Kopf zu setzen und trinkend und krakeelend durchs Land zu torkeln. Ziel: Mindestens einmal im Verkehrsfunk erwähnt werden. Väter sind die wenigsten von ihnen. Und meinstens sind sie spätestens am kommenden Tag sogar wieder Single, denn so einen Mist erträgt keine normale Frau mehr als einmal. Deshalb machen wir das auch anders. Unsere Bollerwagen haben 8 Zylinder, und unsere Frauen wissen genau, wo wir sind!
Wenn sie nicht sogar selbst mitkommen.
Hat die Lebensgefährtin heuer noch einigermaßen alle Nudeln im Sieb, lässt sie den Liebsten an diesem Tag von der Leine und macht sich einen schönen Tag mit den Freundinnen. Mit Prosecco und Geläster über einfach gestrickte Männer, die es immer wieder toll finden, sich mit anderen Dumpfmolchen zu treffen, zu grillen, Bier zu trinken und über Bollerwagen zu reden. Wie schon an jedem bisherigen Vatertag seit V8-Gedenken geschieht dies nach alter norddeutscher Tradition bei Retter Tom in Legan, dem Mann, der neben einem ländlichen Gastronomiebetrieb noch einen florierenden KFZ-Teilehandel betreibt und inzwischen wohl mehr über unseren Bollerwagen weiß als alle anderen ihn umgebenden Fahrer. Die Gemeinde parkt auf dem vorgelagerten Hof, man steht schwatzend bei diesem oder jenem Auto und ergötzt sich an Themen wie Ausstattung, Motorisierung und Neuzustand. Da sich die Ausstattungen und Motorisierungen nicht sonderlich voneinander absetzen, habe ich in diesem Jahr davon Abstand genommen, die ganzen Autos zu fotografieren… irgendwie sehen sie ja doch alle einigermaßen gleich aus, schauen Sie halt nach beim Treffen von 2009 und beim Treffen von 2008 :O) Stellvertretend hier nur die Winterkarre von Tom, quasi im Bestzustand.
Der Hof füllt sich langsam. Im Überwachsungsstaat Deutschland wird dies selbstverständlich im 5-Sekunden-Abstand protokolliert:
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Ich bin der mit dem weißen Hut, der gegen 14.16 Uhr unten rechts parkt…
Das gute Duckstein (war es Duckstein?) vom Fass schmeckt ganz hervorragend, der kriechenden Kälte trotzend, angenehm süffig zum rechtzeitig zur Kaffezeit bereiteten Grillgut. Es ist mir als Rand-Event vergönnt, eine kleine Runde mit einem der seltenen 6-Gang-Schalter von Carsten mitzufahren. Wie unterschiedlich sich doch jeder Bollerwagen anfühlt. Der Anzug eines geschalteten V8 ist im Vergleich zu einem Automatik nahezu brachial, aber die 18-Zoll Niederquerschnittsreifen, eine rupfende Kupplung und eine vermutlich ausgeschlagene Kardanwelle verhindern ein mir so heiliges komfortables Abrollen des 2-Tonnen-Schiffs. Es rumpelt doch recht merklich. Aber es ist herrlich, einmal hinten zu sitzen! Ich erinnere mich an meine ersten Vergleiche zwischen 3.6 und 4.2 damals, 2001, in Wolfsburg. Es macht noch immer Spaß…
Andere gehen da weniger auf die Straße, als mehr an die verzweifelte Ausschlussmethode bei der Fehlersuche. Das getauschte Steuergerät in Bernds neuwertigem Bläuling brachte keine Verbesserung, also baut er es vor Ort wieder aus. Werkzeug findet sich immer irgendwo, und helfende Hände sowieso. Es soll ja irgendwann einmal vorgekommen sein, dass eine Benzinpumpe… aber nein, das ist und war eine andere Geschichte. Während schon wieder die ersten Groupies eintreffen und ungeduldig auf den Auftritt von Top-Act Flammable Gas warten, versuchen andere, möglichst schnell möglichst viele Eindrücke mitzunehmen, weil sie morgen arbeiten und dementsprechend heute wieder nach Hause müssen. Bei einigen ist Zu Hause gar nicht so weit, bei anderen… nun, Bastian und Herbert aus Österreich, Richard aus der Schweiz, Davor und Armin aus Bavaria – die haben schon ein paar Meilen hinter sich, die werden heute sicherlich nicht mehr aufbrechen. DAS ist Völkerverständigung!
Ob es auch mit Verständigung oder nur mit einem guten Händchen bei ebay zu tun hatte, weiß ich nicht. Aber Olaf (optisch angelehnt an Legolas, Sohn des Elbenkönigs im Düsterwald) präsentiert mir nicht ohne Stolz die japanische Bedienungsanleitung für seinen Bollerwagen. Mit einem sagenhaften echten Kilometerstand von 107.300 und einigen sehr speziellen Teilchen wie der elektrischen Heckscheibenentlüftung oder dem vorschriftsmäßig beschrifteten Zündschloss ist dieses Unikat nach 18 Jahren im Sushiland wieder zurück in die Heimat geholt worden. Ein altes Auto, welches wie ein Neuwagen riecht und sich auch so anfühlt. Olaf strahlt. Ich bin ebenso begeistert und will gar nicht mehr aussteigen! Auf meine Frage, wann er das Schätzchen in Besitz genommen habe kommt die trockene Antwort “Vorgestern…” Ah. Okay. Es gibt sie noch, die Einzelstücke!
Wohl auch als einzigartig möchte ich den Volltreffer eines ortsansässigen maladen Singvogels bezeichnen, der es irgendwie geschafft hat, eine nennenswerte Menge durchverdauter Vortagesnahrung recht unorthodox in der Tür von Markus‘ Bollerwagen abzulegen. Beeindruckend. Der Mann berichtet inzwischen kopfschüttelnd von Farbveränderungen im Kunststoff, trotz sofortiger Entfernung der Ätzflecken. Es stellt sich die Frage, was das allgemeine Federgetier in Legan wohl vom Bundesdurchschnitt unterscheiden könnte. Das wiederum können wohl nur die wolligen Schafe auf der Nachbarkoppel beantworten, die zufrieden mähend ihr Dasein fristen und eine angenehm ländliche Geräuschkulisse über alles legen. Ich sehe sie, beneide sie und gehe meine Jacke holen, hier, im kältesten Mai seit 70 Jahren!
Flammable Gas! Die Helden des Metal begeistern wieder einmal mehr als erwartet mit angenehm gutem Sound, der sich deutlich von dem etwas übersteuerten Tonteppich des Vorjahres absetzt. Liebeskummer lässt reifen, ich glaube fest daran. Und verharre angenehm überrascht vor eingängigen Melodien und einem guten Drive, den nur die beiden Jungs aus Gitarre und Drums rausholen können!
Sozusagen ein Frühstadium der neuen Helden am Rockhimmel! Und wir dürfen in jedem Jahr aufs Neue dabei sein. Welch eine Ehre! Klicken Sie hier, um mehr von den Jungs zu sehen und zu hören! Bestimmt wird auch das neue Video von Seiner kleinen Schwester dort demnächst zu sehen sein. Die ruhigen Töne am Abend… dazu kommen wir noch. Jetzt ziehe ich mir erst einmal einen Pullover drunter.
Ein hoffnungsvoller Sonnenstrahl taucht im letzten Moment die Bäume am Horizont in ein gar kulissenhaft anmutendes Licht. Sie scheint uns zu verspotten, die Sonne. Den ganzen Tag lässt sie sich nicht blicken, um dann am Abend kurz SERVUS zu sagen und den Weg freizumachen für einen klaren Nachthimmel. Der die letzte Wärme rauslässt. Was ich immer mit der Kälte habe? Das kann ich Ihnen erklären: Ich möchte im Auto schlafen! Und das habe ich schon bei angenehmeren Temperaturen getan! Mitleid heischend rufe ich mein halbfinnisches Fräulein Altona an. “Na? Wie ist deine Grillerei bei Minusgraden?” giggelt sie, in eine warme Decke eingepackt im fernen Hamburg. Irgendwie ertappt blicke ich mich suchend um, fühl mich trotz dieser Frostprognose immer noch so wohl und freigelassen wie zuvor und wünsche ihr ein bisschen neidvoll eine kuschelige gute Nacht. Und bekomme natürlich kein Mitleid. Während ich anschließend mit Armin über Sinn und Unsinn des Daseins philosophiere und grinsend dem Gespräch von Markus1975 und Richard lausche, die sich in nicht enden wollenden Wellen von KFZ-Dialogen ertränken, wird mit Gönnerblick das Lagerfeuer entfacht! Eine gute Idee! Mich friert so langsam…
Da kommen sie wieder, die Urinstinkte. Nach nennenswerten, verzehrten Fleichmengen guckt der Jäger und Sammler am Ende des Tages doch am Liebsten in ein Feuer. Ein möglichst großes. Vorn geröstet, hinten erfroren, ab und an kann man sich ja einmal drehen. Während die platzinhabende Veranstaltungsprominenz Marshmallows an kleinen, filigranen Stangen über dem Feuer verschmoren lässt, klimper ich mir ein bisschen die Finger warm und versuche, die immer wiederkehrenden Musikwünsche von “Es war Sommer” über “American Pie” bis “Country Roads” nicht in meine Magengegend zu lassen. Das klappt ganz gut. In diesem schwappt seit 17.00 Uhr ohnehin ein Mix aus Bier und Cola (ich glaube, das nennt man Krefelder, oder?), das könnte eines der Geheimrezepte zum Überleben eines langen Grillabends sein! Aber lassen wir doch the incredible Sasha von Flammable Gas einmal leise Töne anschlagen. Ich stell mich derweil noch ein bisschen dichter ans Feuer…
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Man beachte im Vordergrund Markus und Richard, die sich noch immer wortgewaltig und unermüdlich austauschen…
Gute Nacht! Ich bin glockenwach von der Cola in meinem Bier und kuschel mich aus reinen Vernunftsgründen so gegen 00.30 Uhr in mein bereitetes Hotel Neckarsulm. Es ist EISkalt. So kalt, dass ich in Erwägung ziehe, zwei der Schafe von der Koppel als Wärmespender auf dem Rücksitz zu parken. So kalt, dass ich überlege, vielleicht schnell und heimlich noch nach Hamburg Altona zu fahren und mich mit unter die besagte warme Decke zu kuscheln. Aber nein! Das gestattet das Bier in meinem Blut nicht einmal ansatzweise, und was ein Mann begonnen hat, muss er auch durchziehen. Meint man. Immerhin bin ich wenigstens am Vatertag auch ein Vater, aber ich kann nicht einschlafen. Also zähle ich Schäfchen. Und lausche dem entfernten Gebrabbel von Markus und Richard. Langsam wärmt die Restwärme meines Körpers die Decke und den Ledersitz, während mein linker Fuß einschläft… als einziges Körperteil. Neee Leute, das habe ich schon angenehmer erlebt. Ich HASSE Kälte! Schlaft schön…
5.00 Uhr morgens. Bodennebel erzählt von einer kalten Nacht. Ich auch. Die erste Helligkeit lässt mich in der gleichen Körperhaltung erwachen, in der ich irgendwann eingedämmert bin. In dem einen oder anderen Bollerwagen scheinen ebenfalls Vatertagsleichen zu lagern, man erkennt sie an den beschlagenen Scheiben. Ein besonders hartes Exemplar hat sogar die Wärme des Feuers ausgenutzt und in seinem warmen Schein ein Nachtlager bezogen. Das war vor einigen Stunden. Ich glaube, ich war gegen Morgen vergleichsweise warm gebettet… Also auf in den Tag, mit frischen Brötchen und einem vollen Tank dahin, wo ich heute Nacht schon hin wollte – zurück nach Altona, unter die kuschelige warme Decke der schönen Frau an meiner Seite. Zurück aus der Zeitkapsel voller Benzin und Geschichten.
Es war eine rauschende Ballnacht mit vielen Unterhaltungen zum Lachen, zum Staunen und manchmal auch zum Traurig werden. Vielleicht habe ich das schon ein paar mal erwähnt, aber ich ziehe ab und an die Gesellschaft dieser Jungs den meisten anderen Leuten, die ich kenne, vor. Wir fahren alle das gleiche Auto und würden uns unter anderen Umständen vielleicht niemals nicht kennen gelernt haben… Ich denke, das macht diesen gelungenen Mix aus. Haben Sie auch solche “Ausbruchserlebnisse“, die fern des Alltags stattfinden? Vielen Dank an Retter Tom, Bine und Alex, dass dieses Treffen jedes Jahr möglich ist. Und bis zum nächsten mal, ihr Verrückten!
Sandmann